Leinenziehen ist ein völlig unterschätztes Gesundheitsproblem, nicht nur ein Erziehungsproblem
Wenn von Leinenführigkeit gesprochen wird, denken die meisten Hundehalter zuerst an Erziehung, Höflichkeit oder Alltagstauglichkeit. Niemand möchte schließlich von seinem Hund durch die Gegend gezogen werden.
Doch ein entscheidender Aspekt wird dabei völlig übersehen: Leinenführigkeit ist vor allem ein Thema der Hundegesundheit.
Besonders bei Welpen und Junghunden sind die gesundheitlichen Folgen von dauerhaftem Ziehen an der Leine gravierend. Während viele Halter noch darüber schmunzeln, dass ihr junger Hund „so viel Power hat“, wirken bei jedem Schritt enorme Kräfte auf Knochen, Gelenke, Sehnen, Bänder und die Wirbelsäule ein.
Der Bewegungsapparat ist noch nicht fertig entwickelt
Die Wachstumsfugen der Knochen schließen sich je nach Größe und Rasse erst im Laufe vieler Monate oder sogar erst nach über einem Jahr. Gelenke, Bänder, Sehnen und die stabilisierende Muskulatur befinden sich noch in der Entwicklung.
Genau in dieser sensiblen Phase wird durch Ziehen an der Leine eine Belastung zugelassen, die man bei genauer Betrachtung als eine Art unkontrollierten Zughundesport bezeichnen könnte.
Ein Welpe oder Junghund, der täglich über längere Strecken gegen den Leine arbeitet, bewegt seinen Körper nicht natürlich. Stattdessen entstehen dauerhafte Zugkräfte auf Schultergelenke, Ellenbogen, Wirbelsäule, Hüfte und Knie.
Die Belastung wiederholt sich tausendfach – Tag für Tag, Woche für Woche.
Im Grunde ist es unkontrollierter Zughundesport
Viele Hundehalter würden niemals auf die Idee kommen, einen sechs Monate alten Hund vor einen Roller, ein Fahrrad oder einen Trainingsschlitten zu spannen. Die Belastung wäre offensichtlich viel zu hoch.
Doch wenn derselbe Hund täglich an gespannter Leine läuft und permanent gegen den Widerstand arbeitet, wird dies oft als harmlos angesehen.
Biomechanisch betrachtet entsteht jedoch die gleiche Situation: Der Hund arbeitet kontinuierlich gegen einen Widerstand. Seine Gelenke und der Stützapparat müssen zusätzliche Kräfte aufnehmen, die Gelenke werden anders belastet als bei einer freien, natürlichen Bewegung und der gesamte Bewegungsablauf verändert sich.
Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Belastung gesellschaftlich akzeptiert ist und deshalb kaum hinterfragt wird.
Auch kleine Hunde sind betroffen
Ein besonders hartnäckiger Irrtum lautet: „Mein Hund ist klein, den kann ich locker halten.“
Doch die Frage ist nicht, ob der Mensch den Hund halten kann. Die Frage ist, welche Kräfte im Körper des Hundes wirken.
Ein fünf Kilogramm schwerer Hund, der dauerhaft gegen eine gespannte Leine arbeitet, belastet seinen eigenen Bewegungsapparat genauso unnatürlich. Die Gelenke eines Hundes unterscheiden nicht zwischen einem Menschen, der ihn kaum halten kann, und einem Menschen, der ihn mühelos festhält.
Die schädlichen Belastungen entstehen im Körper des Hundes selbst.
Deshalb sind die Risiken nicht auf große oder kräftige Hunde beschränkt. Auch kleine Hunde entwickeln durch dauerhaftes Ziehen Fehlbelastungen.
Besonders problematisch bei genetischer Vorbelastung
Noch kritischer wird die Situation bei Hunden, die bereits genetisch ein erhöhtes Risiko für Erkrankungen des Bewegungsapparates mitbringen.
Dazu gehören insbesondere Hunde mit einer Veranlagung für:
- Hüftgelenksdysplasie (HD)
- Ellenbogendysplasie (ED)
- andere Krankheitsbilder (Bandscheibenvorfall, Cauda-Equina-Syndrom, etc.)
Eine bestehende Schwachstelle im Bewegungsapparat wird durch ständige Fehl- und Überbelastung negativ beeinflusst. Entzündungen, Schmerzen, Verschleiß und Bewegungseinschränkungen werden dadurch früher oder stärker auftreten.
Gerade bei solchen Hunden sollte deshalb besonders darauf geachtet werden, unnötige Belastungen zu vermeiden.
Geschirr oder Halsband spielt dabei keine Rolle
Immer wieder wird behauptet, dass Ziehen am Geschirr harmlos sei, weil kein Druck auf den Hals entsteht.
Natürlich kann ein Geschirr bestimmte Risiken im Bereich von Hals, Kehlkopf oder Halswirbelsäule reduzieren. Für die eigentliche Problematik des dauerhaften Ziehens macht es jedoch kaum einen Unterschied.
Denn die Belastung entsteht nicht nur dadurch, wo die Leine befestigt ist. Die Belastung entsteht dadurch, dass der Hund permanent gegen einen Widerstand arbeitet.
Ob dieser Widerstand über ein Halsband oder über ein Geschirr auf den Hund einwirkt, ändert nichts daran, dass Gelenke, Muskeln, Sehnen und Bänder dauerhaft unnatürlich belastet werden.
Wer glaubt, ein ziehender Hund sei automatisch unproblematisch unterwegs, nur weil er ein Geschirr trägt, übersieht die eigentliche Ursache.
Die Schäden werden oft erst sichtbar, wenn es zu spät ist
Das größte Problem besteht darin, dass sich die Folgen schleichend entwickeln.
Niemand sieht nach drei Wochen Leinenziehen eine schwere Gelenkschädigung. Genau deshalb wird das Thema völlig unterschätzt.
Stattdessen entstehen über Monate oder Jahre immer wieder Fehlbelastungen. Der Hund kompensiert, passt seine Bewegungen an und zeigt oft lange Zeit keine deutlichen Beschwerden.
Erst später fallen Dinge auf wie:
- ein veränderter Gang
- Steifheit nach dem Liegen
- Bewegungsunlust
- häufiges Lahmen
- Muskelverspannungen
- Schmerzen beim Aufstehen
- Einschränkungen beim Sport oder Spielen
Dann beginnt die Suche nach Medikamenten, Nahrungsergänzungsmitteln oder therapeutischen Maßnahmen.
Doch wenn die eigentliche Ursache weiterhin besteht und der Hund jeden Tag wieder gegen die Leine arbeitet, nützen auch jetzt, wenn die Schäden bereits bestehen, die besten Medikamente nichts.
Medikamente können die Ursache nicht beseitigen
Schmerzmittel, Physiotherapie, Muskelaufbau und andere Behandlungen können bei bereits bestehenden Schäden wertvolle Bausteine sein.
Sie können Schmerzen lindern, Entzündungen reduzieren und die Beweglichkeit verbessern.
Was Medikamente jedoch nicht können:
Eine tägliche Fehlbelastung ausgleichen, die weiterhin unverändert besteht.
Wer langfristig eine Verbesserung erreichen möchte, muss deshalb immer auch den Alltag des Hundes betrachten. Dazu gehört insbesondere die Frage, wie der Hund an der Leine läuft.
Ein Hund, der dauerhaft zieht, belastet seinen Bewegungsapparat jeden einzelnen Tag erneut.
Leinenführigkeit ist Gesundheitsvorsorge
Leinenführigkeit sollte deshalb nicht als Luxusproblem betrachtet werden. Sie ist keine Frage von Gehorsam, Prestige oder Bequemlichkeit.
Leinenführigkeit ist ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsvorsorge.
Jeder Hund profitiert davon, entspannt an lockerer Leine laufen zu können. Für Welpen und Junghunde gilt dies ganz besonders, weil ihr Bewegungsapparat sich noch entwickelt. Für Hunde mit genetischen Risiken oder bereits bestehenden orthopädischen Problemen ist es sogar noch wichtiger.
Wer seinem Hund beibringt, an lockerer Leine zu gehen, investiert nicht nur in einen angenehmeren Alltag, sondern auch in die langfristige Gesundheit seines vierbeinigen Begleiters.
