Erwartungshaltung beginnt zu Hause – nicht erst beim Spaziergang

Viele Hundehalter konzentrieren sich beim Training auf das Verhalten während des Spaziergangs. Dabei wird ein entscheidender Punkt oft übersehen: Der Spaziergang beginnt nicht an der Haustür – sondern bereits in dem Moment, in dem der Hund erkennt, dass es gleich hinausgeht.

Zieht der Hundehalter die "Spazierschuhe" an, wird die Jacke geholt oder die Leine in die Hand genommen, reagieren viele Hunde bereits mit großer Aufregung. Sie springen herum, fiepen, laufen hektisch durch die Wohnung oder bellen vor Erwartung. Manche Hunde stehen schon jetzt unter enormer Anspannung.

Genau hier beginnt das eigentliche Problem.

Die Erwartungshaltung sorgt dafür, dass bereits vor dem Verlassen des Hauses Stresshormone ausgeschüttet werden. Der Hund startet also nicht entspannt in den Spaziergang, sondern befindet sich schon in einem erhöhten Erregungszustand. Seine Reizschwelle sinkt. Kleinigkeiten werden plötzlich zu großen Ereignissen.

Begegnet der Hund nun draußen einem Artgenossen, einem Radfahrer oder einem Jogger, fehlt ihm häufig die innere Ruhe, angemessen zu reagieren. Die Wahrscheinlichkeit für Bellen, Ziehen an der Leine oder andere unerwünschte Verhaltensweisen steigt deutlich.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Erwartung beeinflusst auch den Menschen.

Wer bereits beim Anziehen der Schuhe weiß, dass der Hund gleich "Theater macht", geht oft selbst angespannt los. Vielleicht werden andere Hunde schon von Weitem gesucht oder Begegnungen mit Sorge erwartet. Diese innere Anspannung überträgt sich auf den Hund.

So entsteht häufig eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Der Hund erwartet Stress. Der Mensch erwartet Probleme. Beide gehen angespannt los. Aus einer völlig normalen Hundebegegnung entwickelt sich genau die Situation, die eigentlich vermieden werden sollte.

Deshalb lohnt es sich, den Spaziergang bereits in der Wohnung zu trainieren.

Die Leine sollte nichts Besonderes sein. Schuhe anziehen sollte beim Hund keine Explosion der Gefühle auslösen. Der Hund darf lernen, dass Ruhe der Schlüssel zum Erfolg ist. Erst wenn er sich entspannt verhält, geht es gemeinsam hinaus.

Das bedeutet nicht, den Hund einzuschüchtern oder seine Freude am Spaziergang zu nehmen. Natürlich darf sich ein Hund auf den gemeinsamen Ausflug freuen. Freude ist etwas völlig anderes als unkontrollierte Aufregung.

Ein ruhiger Start schafft die Grundlage für einen ruhigen Spaziergang.

Viele Verhaltensprobleme, die draußen sichtbar werden, haben ihren Ursprung bereits in der Wohnung. Wer nur draußen trainiert, übersieht häufig den eigentlichen Auslöser.

Mein Rat lautet deshalb: Beobachte deinen Hund einmal ganz bewusst vor dem Spaziergang. Wann beginnt seine Aufregung? Schon beim Griff zur Jacke? Beim Anziehen der Schuhe? Oder erst bei der Leine?

Genau dort beginnt das Training.

Je entspannter der Hund das Haus verlässt, desto größer sind seine Chancen, auch draußen gelassen zu bleiben. Ruhe ist ansteckend – ebenso wie Hektik. Deshalb entscheidet oft nicht die Hundebegegnung über den Verlauf eines Spaziergangs, sondern die Stimmung, mit der Mensch und Hund überhaupt erst gemeinsam losgehen.

Eine erste Übung um den Kreislauf zu unterbrechen kann sein, dass du dir deine "Spazierschuhe" anziehst und die Leine nimmst, dich dann hinsetzt und einen Kaffee trinkst. Also - ganz einfach erlernte Reiz-Reaktionsketten gezielt unterbrechen.

Mit dem richtigen Know-how zum Do-how.

Falls du Unterstützung dabei möchtest, den Spaziergang bereits zu Hause ruhig und entspannt beginnen zu lassen, helfe ich dir gerne dabei. Oft sind es genau diese kleinen Veränderungen im Alltag, die später einen großen Unterschied machen.