Bist du Hundehalter/in – oder besitzt dein Hund dich?

Was sich im ersten Moment vielleicht lustig anhört, ist gar nicht so lustig. Es ist auch nicht abwegig, sondern in vielen Hundehaushalten Realität.

Viele Hundehalter sind im Laufe der Zeit zum Personal ihrer Hunde geworden. Der Hund hat seinen Menschen ziemlich gut erzogen. Das geschieht selten bewusst. Es entwickelt sich leise, schleichend und unbemerkt im Alltag.

Mal ganz konkret: Wer schafft an? Wer entscheidet? Wer sagt, wo es langgeht? Du oder dein Hund?

Wer entscheidet, wann gespielt wird? Wer bestimmt, wann Aufmerksamkeit eingefordert wird? Wer entscheidet, ob Besuch akzeptiert wird? Wer legt fest, welcher Hund Freund oder Feind ist? Wer entscheidet bei Begegnungen mit Joggern, Radfahrern oder anderen Passanten, wie reagiert wird?

Kannst du deinem Hund jederzeit vermitteln, welches Verhalten du in der jeweiligen Situation von ihm erwartest? Oder bist du den momentanen Launen, Gefühlen und Entscheidungen deines Hundes ausgeliefert?

Wenn der Hund beginnt, Entscheidungen zu treffen

Hunde lernen unglaublich schnell, welches Verhalten zum Erfolg führt.

Der Hund stupst deine Hand an – du streichelst ihn.

Er bringt dir sein Spielzeug – du spielst.

Er steht vor der Terrassentür – du öffnest.

Er bellt – du reagierst.

Er zieht an der Leine in eine bestimmte Richtung – du gehst mit.

Er möchte zu einem anderen Hund – du lässt ihn hin.

Er möchte dort nicht vorbei – ihr dreht um.

Einzeln betrachtet sind viele dieser Situationen völlig harmlos. Natürlich darf ein Hund Bedürfnisse äußern. Natürlich darf er zeigen, dass er hinaus möchte, Kontakt sucht oder spielen möchte.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Darf mein Hund etwas wollen?

Die entscheidende Frage lautet: Wer trifft letztendlich die Entscheidung?

Hier liegt ein großer Unterschied.

Mein Hund darf mich auffordern, mit ihm zu spielen. Trotzdem entscheide ich, ob jetzt gespielt wird. Mein Hund darf Interesse an einem anderen Hund zeigen. Trotzdem entscheide ich, ob Kontakt stattfindet. Mein Hund darf eine Situation unangenehm finden. Trotzdem übernehme ich die Verantwortung dafür, wie wir mit dieser Situation umgehen.

Führung bedeutet nicht Unterdrückung

Bei diesem Thema landet man sehr schnell in einer völlig falschen Diskussion über Dominanz, Macht oder Unterordnung.

Darum geht es nicht.

Es geht um Verantwortung, Verlässlichkeit und Orientierung.

Wer mit einem Hund zusammenlebt, übernimmt Verantwortung für dieses Tier – und gleichzeitig Verantwortung gegenüber seiner Umwelt.

Mein Hund darf nicht entscheiden, einem Radfahrer hinterherzulaufen. Er kann nicht beurteilen, ob das Anspringen eines Menschen problematisch werden könnte. Er kennt weder Straßenverkehrsordnung noch gesellschaftliche Regeln.

Diese Entscheidungen muss ich treffen.

Genau das gehört für mich zu verantwortungsvoller Hundehaltung.

„Er möchte das aber nicht“

Diesen Satz hört man auch häufig.

„Er möchte da nicht vorbeigehen.“

„Er mag diesen Hund nicht.“

„Er möchte jetzt nicht sitzen bleiben.“

„Er will nicht auf seinem Platz bleiben.“

„Er möchte lieber dort entlanggehen.“

Auch ein Hund muss lernen, mit Situationen umzugehen, die gerade nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Er muss Frustration aushalten können. Er muss akzeptieren können, dass etwas nicht verfügbar ist. Er muss lernen, sich an seinem Menschen zu orientieren.

Das ist keine Schikane.

Das ist Alltagstauglichkeit.

Besonders deutlich wird es bei Begegnungen

Ein anderer Hund kommt entgegen.

Jetzt stellt sich eine interessante Frage: Wer entscheidet über die Situation?

Entscheidet dein Hund selbst, ob er fixiert, stehen bleibt, in die Leine springt, bellt oder zum anderen Hund hinzieht?

Oder kannst du ihm vermitteln: „Ich habe die Situation gesehen. Du musst dich darum nicht kümmern. Ich sage dir, was jetzt zu tun ist.“

Dasselbe gilt für Jogger, Radfahrer, Kinder, Wildtiere, Katzen, Besucher oder andere Reize.

Ein Hund, der gelernt hat, jede Situation selbst zu bewerten und anschließend selbstständig zu handeln, wird diese Aufgabe irgendwann selbstverständlich übernehmen.

Warum sollte er es auch nicht tun?

Schließlich hat es bisher funktioniert und der Mensch ist untätig.

Hunde erziehen ihre Menschen

Wir sprechen ständig darüber, wie wir Hunde erziehen.

Dabei übersehen wir gerne, dass Lernen in beide Richtungen funktioniert.

Der Hund lernt:

Wenn ich lange genug belle, steht jemand auf.

Wenn ich oft genug mit der Pfote kratze, bekomme ich Aufmerksamkeit.

Wenn ich an der Leine ziehe, komme ich ans Ziel.

Wenn ich mich ausreichend aufrege, verschwinden wir aus der Situation.

Wenn ich vor meinem Menschen stehen bleibe und ihn ansehe, bekomme ich vielleicht etwas.

Wenn ich mein Spielzeug bringe, beginnt das Unterhaltungsprogramm.

Das Interessante daran: Der Mensch wurde dabei trainiert.

Der Hund zeigt Verhalten – der Mensch reagiert.

Passiert das regelmäßig, entsteht eine ziemlich stabile Reiz-Reaktions-Kette. Nur ist diesmal der Mensch derjenige, dessen Verhalten zuverlässig ausgelöst wird.

Das bedeutet nicht, ständig den Chef spielen zu müssen

Ein entspannter Alltag mit Hund besteht nicht daraus, permanent Kommandos zu geben.

Ganz im Gegenteil.

Je klarer Regeln und Strukturen sind, desto weniger muss ständig eingegriffen werden.

Mein Hund darf selbstverständlich Entscheidungen treffen. Er darf sich einen Liegeplatz aussuchen. Er darf schnüffeln. Er darf Interessen verfolgen. Er darf kommunizieren. Er darf Bedürfnisse zeigen. Er darf Hund sein.

Es gibt jedoch Situationen, in denen ich die Verantwortung übernehme und deshalb auch die Entscheidung treffe.

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Freiheit funktioniert dort besonders gut, wo Grenzen bekannt sind.

Ein kleiner Selbsttest

Beobachte dich einmal einen ganzen Tag lang.

Nicht deinen Hund – dich.

Wie oft reagierst du automatisch auf eine Aufforderung deines Hundes?

Wie oft stehst du auf, weil dein Hund etwas möchte?

Wie oft änderst du beim Spaziergang deine Richtung, weil dein Hund sie vorgibt?

Wie oft bekommt dein Hund Aufmerksamkeit, nachdem er sie eingefordert hat?

Wie oft entscheidet dein Hund, wann eine Interaktion beginnt und wann sie endet?

Wie oft greifst du in Situationen erst ein, wenn dein Hund bereits entschieden und reagiert hat?

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele dieser Fragen mit „nie“ beantworten zu können.

Es geht darum, bewusst zu erkennen, wer gerade wen steuert.

Dein Hund braucht keinen persönlichen Assistenten

Ein Hund braucht einen Menschen, auf den er sich verlassen kann.

Einen Menschen, der Situationen einschätzt.

Einen Menschen, der Entscheidungen trifft.

Einen Menschen, der Grenzen setzt.

Einen Menschen, dessen Verhalten vorhersehbar und glaubwürdig ist.

Einen Menschen, der nicht erst reagiert, wenn der Hund bereits die Verantwortung übernommen hat.

Denn genau diese Verantwortung sollten wir unseren Hunden nicht aufbürden.

Wer seinem Hund Orientierung gibt, nimmt ihm nicht seine Persönlichkeit. Er gibt ihm Sicherheit.

Deshalb lohnt sich manchmal die etwas provokante Frage:

Hast du einen Hund – oder hat dein Hund dich?

Beobachte euren Alltag einmal ganz bewusst. Die Antwort findet sich meistens nicht in den großen Trainingssituationen.

Sie zeigt sich in den vielen kleinen Momenten dazwischen.