Erlernte
Reiz-Reaktions-Ketten beim Hund –
Warum die Türklingel immer mehr auslöst als ein anderes, ähnliches Geräusch.
Viele Hunde reagieren auf die Türklingel, als wäre plötzlich höchste Alarmstufe angesagt. Sie springen auf, rennen zur Tür, bellen, fiepen oder geraten völlig außer sich. Dieselben Hunde zeigen jedoch keinerlei Reaktion auf das Läuten eines Handys oder den Kurzzeitmesser in der Küche. Dabei sind auch das Klingeltöne.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Geräusch selbst, sondern in der Bedeutung, die der Hund damit verknüpft hat.
Hunde lernen Zusammenhänge
Hunde sind hervorragende Beobachter. Sie erkennen sehr schnell, welche Ereignisse regelmäßig aufeinander folgen. Läutet die Türklingel, lässt der Mensch in der Regel alles stehen und liegen, geht zur Tür, ein Besucher kommt herein, oder etwas anderes Aufregendes passiert – z.B. ein Paket wird geliefert.
Mit der Zeit entsteht daraus eine feste Reiz-Reaktions-Kette:
Türklingel → Mensch geht zur Tür → Aufregung
Der Hund reagiert deshalb schon beim ersten Ton der Klingel. Er weiß aus Erfahrung, was jetzt passieren wird. Genau deshalb bleibt das Handy oder der Küchenwecker völlig uninteressant. Diese Geräusche haben für den Hund keine vergleichbare Bedeutung.
Das Problem
Je häufiger sich diese Kette wiederholt, desto automatischer läuft sie ab. Der Hund denkt nicht darüber nach. Er handelt aus Gewohnheit, eine klassische Reiz-Reaktions-Kette ist entstanden.
Das bedeutet, dass sich die Aufregung bereits beim ersten Klingelton aufbaut. Noch bevor überhaupt jemand die Tür geöffnet hat, steigen Stresshormone an. Dadurch wird es für den Hund immer schwieriger, ruhig zu bleiben oder ansprechbar zu sein.
Reiz-Reaktions-Ketten kann man verändern
Die gute Nachricht lautet: Was gelernt wurde, kann auch wieder verlernt werden.
Das Ziel ist, die bisherige Verknüpfung aufzubrechen. Dazu muss der Hund neue Erfahrungen sammeln.
Eine einfache Übung besteht darin, mit Freunden oder Bekannten zu vereinbaren, dass sie an der Haustür klingeln. Diesmal passiert jedoch etwas völlig anderes als bisher.
Es klingelt.
Niemand steht auf.
Niemand geht zur Tür.
Es passiert einfach nichts.
Nach mehreren (eher vielen) Wiederholungen verliert die Türklingel nach und nach ihre bisherige eindeutige Bedeutung. Der Hund stellt fest, dass auf das Klingeln nicht zwangsläufig Besuch folgt.
Eine neue Reaktionskette aufbauen
Noch sinnvoller ist es, dem Hund eine alternative Aufgabe zu geben.
Es klingelt.
Der Hund wird auf seinen Platz oder in sein Körbchen geschickt.
Dort muss er ruhig liegen bleiben.
Erst danach entscheidet der Mensch, ob und wann die Tür geöffnet wird.
Dadurch entsteht eine völlig neue Reiz-Reaktions-Kette:
Türklingel → Hund geht auf seinen Platz → Ruhe → Mensch öffnet (möglicherweise) die Tür
Der Hund erhält eine klare Aufgabe. Gleichzeitig lernt er, dass ruhiges Verhalten der normale Ablauf ist.
Konsequenz entscheidet über den Erfolg
Eine neue Verknüpfung entsteht nicht nach drei oder vier Wiederholungen. Das Gehirn des Hundes greift zunächst immer wieder auf die alte, jahrelang geübte Reaktion zurück.
Deshalb sind viele kurze Trainingseinheiten wesentlich wirkungsvoller als gelegentliche Übungen.
Ebenso wichtig ist, dass alle Familienmitglieder den gleichen Ablauf einhalten. Schickt eine Person den Hund auf seinen Platz, während eine andere ihn an der Tür begrüßen lässt, bleibt die ursprüngliche Reiz-Reaktions-Kette bestehen.
Dieses Prinzip gilt für viele Alltagssituationen
Die Türklingel ist nur ein Beispiel. Hunde bilden täglich neue Reiz-Reaktions-Ketten. Siehe vorige Woche den Blogbeitrag mit dem Spaziergang - der "selbst erfüllenden Prophezeiung".
Der Griff zur Leine führt zur Erwartung des Spaziergangs.
Der Autoschlüssel kündigt die Autofahrt an.
Das Öffnen der Futterschublade löst Vorfreude auf das Fressen aus.
Der Ball in der Hand des Menschen sorgt für sofortige Erregung.
Überall dort, wo ein Reiz immer wieder dieselbe Konsequenz hat, entstehen feste Verknüpfungen. Genau deshalb lohnt es sich, den eigenen Alltag bewusst zu beobachten und auf unerwünschte Reiz-Reaktions-Ketten zu achten. Erst wenn diese wahrgenommen werden, ist es möglich diese aktiv zu ändern.
Daher:
Problematisches Verhalten entsteht häufig nicht, weil ein Hund "stur", "dominant" oder "ungehorsam" ist. Er reagiert lediglich auf eine Reiz-Reaktions-Kette, die er über viele Wiederholungen gelernt hat.
Wer diese Zusammenhänge erkennt, kann das Verhalten seines Hundes gezielt verändern. Statt gegen die Reaktion anzukämpfen, wird die zugrunde liegende Verknüpfung verändert. Genau dort beginnt nachhaltiges Hundetraining.
Reiz-Reaktions-Ketten kann man sehr positiv im Training einsetzen. Wenn du dabei Hilfe brauchst kannst du dich jederzeit gerne bei mir melden.
Mit dem richtigen Know-how zum Do-how im Alltag.




